Das Theater ist eine Welt für sich
und von den grossen geselligen Institutionen,
die in einer verwirrten und vereinsamten
Welt noch in Kraft stehen, die älteste,
die ehrwürdigste und die lebensvollste.
HUGO VON HOFMANNSTHAL
Handlung
1. Akt:
In belebtester Gegend Sevillas liegt die Zigarettenfabrik, gegenüber ein Wachtlokal der Garnison. Micaela, ein Landmädchen, fragt hier nach dem Sergeanten Jose. Die Ablösung zieht auf, mit ihr Jose. Bei ihm erkundigt sich der Leutnant Zuniga, der sie anführt, nach den hübschen Arbeiterinnen der Fabrik; Jose, der Micaela liebt, will nichts wissen von diesen leichtsinnigen Mädchen, die von den jungen Burschen umlagert werden. Die Begehrteste, die Zigeunerin (armen, entzieht sich den Annäherungsversuchen; ihr gefällt Jose, der, ohne auf sie zu achten, mit seiner Waffe beschäftigt ist. Scherzend wirft sie im Weggehen ihm eine Rose zu. Sie hat ihn getroffen, nicht nur äußerlich: er verbirgt die Rose an seiner Brust, als Micaela sich nähert; und in dem sehnsüchtigen Gedenken an die Heimat, das ihm der überbrachte Brief seiner Mutter hervorruft, befällt ihn unbestimmte Furcht vor etwas Drohendem. Kaum hat sich Micaela entfernt, so dringt ein heftiger Streit der Arbeiterinnen auf die Straße. Carmen ist nach einem Wortwechsel hand¬greiflich geworden mit Mercedes und hat ihr Messerstiche beigebracht. Ober Zunigas Versuch, sie zu verhören, macht sie sich lustig; ungern genug lässt er sie fesseln und ins Gefängnis führen; Jose erhält den Auftrag. Während der Leutnant den Befehl ausfertigt, hat Carmen mit betörenden Worten Jose ihre Liebe erklärt, und er, der sie vom ersten Augenblick an liebte, ist besinnungslos bereit, ihr zur Flucht zu verhelfen.
II. Akt:
Unter der sehr gemischten Kundschaft der Zigeunerschenke am Stadtrand ist Zuniga Carmens hartnäckiger Verehrer; aber auch der gefeierte Stierkämpfer Escamillo bewirbt sich um sie. Doch sie weist alle ab und ist heute auch nicht zu haben für die Schmuggelgeschäfte, welche Dancairo und Remendado, im Bund mit Mercedes und Frasquita, betreiben; denn sie liebt wieder einmal ernsthaft, und zwar Jose, der ihretwegen zwei Monate Haft verbüßen musste. Heute ist er frei ge¬worden und eilt sogleich zur Schenke, dem besprochenen Treffpunkt. Als der Zapfen¬streich geblasen wird, will er zur Stadt zurück. Carmen verhöhnt den braven Soldaten, dem der Dienst über alles geht, und er, zum Beweis seiner Liebe, zeigt ihr die treu bewahrte Blume von damals. Wie die Schmuggler es rieten, lädt sie ihn ein, ihr freies Leben zu teilen. Ihm schaudert vor der Fahnenflucht. Aber der argwöhnisch zurückgekehrte Zuniga überrascht das Paar. Jose, gereizt, stürzt sich auf seinen Vorgesetzten; das Ärgste wird verhütet, doch nun gibt es kein Zurück, er gesellt sich den Schmugglern.
III. Akt:
In einer Felsschlucht halten die Schmuggler Rast. Jose passt schlecht zu ihnen; Gedanken an die Mutter quälen ihn; (armen, ohne die er nicht leben kann, ist seiner überdrüssig geworden. Beim Kartenlegen sieht sie den Tod für sich und ihn voraus. Die Schmuggler hoffen die Zöllnerkette zu durchschlüpfen und ziehen weiter. Jose, als Nachhut, trifft auf Escamillo, der Carmens wegen heraufgestiegen ist. Es kommt zum Zweikampf. Escamillos Waffe zerbricht, und der rasende Jose will zustoßen, aber Carmen, die mit den anderen umkehren musste, verhindert es. Escamillos Ein¬ladung an alle, die ihn lieben, sich zu seinem nächsten Stiergefecht einzufinden, erwidert Jose mit Drohungen, auch gegen Carmen. Man bringt Micaela, die den immer noch Geliebten mit Botschaft von der sterbenden Mutter suchte. Carmen gibt ihm den Abschied; er aber, heimwärts eilend, fühlt bis zum Tod, bis in die Hölle sich an sie gebunden.
IV. Akt:
Der Tag von Escamillos Stierkampf. (armen, die sich dem Toreador zuge¬wandt hat, wird von den Freundinnen gewarnt: Jose sei da! Sie verschmäht es zu fliehen; sie begegnen sich. Noch einmal beschwört er sie, bei ihm zu bleiben, alles will er für sie tun und ertragen: vergeblich. Da ersticht er sie.
Georges Bizets „Carmen“
Der Sieg des Wagnerschen Musikdramas bedeutete den Sturz der französischen „großen Oper“, die ihren glanzvollen Höhepunkt in Giacomo Meyerbeers raffiniert aufgeführtem Prunkbau erreicht hatte. Dessen zuvor unumstrittene Alleinherrschaft, wie der schon mit Auber beginnende und bei seinen Nachfolgern rapid fort-schreitende Niedergang der opéra comique, hatte Verwirrung in die Reihen der französischen Musiker gebracht. Einige versuchten sich auch fernerhin noch im Rahmen der großen Oper, ohne natürlich mit Meyerbeer leben zu können, andere warfen sich ganz der Wagner-Reform in die Arme, wieder andere strebten vorsichtig einen Kompromiss dieser beiden unvereinbaren Kunstwelten an, wie etwa Saint-¬Sàens. Doch der Erfolg fiel keinen von all diesen zu, sondern der süßlich trivialen Verschmelzung der „großen Oper“ mit der opero comique zum „drame lyrique“, das eine geschickte Handlung, reichlich Sentimentalität und lyrische Ruhepunkte zum wirkungsvollen, jedoch wenig geschmackvollen Ragout vermengt. Man kann sich vorstellen, wie auf ein Publikum, das lediglich an derartige Kost gewöhnt war, ein Werk wie „Carmen“, das ihm am 3. März 1875 in der Pariser Opera Comique vor-gesetzt wurde, wirken musste. Es war einfach entrüstet und gab seinem Missfallen nicht misszuverstehenden Ausdruck. Daran gewöhnt, sich an dieser Stätte an reiner Unterhaltungskost zu ergötzen, wehrte man sich ganz instinktiv gegen den unerhört neuen Versuch, sich durch einen Stoff, der an elementare Vorgänge des mensch¬lichen Lebens griff, aus der behaglichen Ruhe des Genießens aufschrecken, im Innersten packen oder gar erschüttern zu lassen. Man empfand die Tragik dieser triebhaften Naturkräfte als peinlich, das Ganze als deplatziert.
„Carmen“ wurde bei der Pariser Uraufführung, den Traditionen der opéra comique entsprechend, als Spieloper mit gesprochenem Dialog gegeben. Die Librettisten Henri Meilhac (1831-1897) und Ludovic Halévy (1834-1908), ein Neffe des be¬rühmten Komponisten, haben den Stoff ihres Buches der gleichnamigen Novelle Prosper Merimees entnommen. Die bis heute weithin gebräuchlichen kurzen Rezitative sind nach Bizets Tod von dessen Jugendfreund Ernest Guiraud für die Wiener Erstaufführung am 23. Oktober 1875 nachkomponiert.
Den Verlauf der Uraufführung schildert der Librettist Ludovic Halévy: „Gute Wirkung des ersten Aktes ... Beifall und Hervorrufe ... Bizet wird umringt und warm beglückwünscht. Der zweite Akt verläuft weniger glücklich ... Bizet entfernt sich jetzt mehr und mehr von der traditionellen Form der opéra comique, und das Publikum ist verwundert und weiß sich nicht mehr zurechtzufinden ... Die Kühle nimmt im 3. Akt zu ... Und nach dem vierten Akt, eisige Kälte ... „Carmen“ hatte ein Fiasko erlebt.“ Der Schöpfer dieses Meisterwerkes überlebte diese Enttäuschung nicht. Geschwächt durch ein hartnäckiges Halsleiden, erlag er genau drei Monate später, am 3. Juni 1875, einem Herzschlag
Julius Kapp
(Aus: „Die Oper der Gegenwart“, Max Hesse's Verlag)
Wieder stehen wir vor dem Be¬ginn einer neuen Spielzeit. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Grund¬elemente, die aller Kunst gege¬ben sind, nämlich die Hingabe an die gestellte Aufgabe, die be¬dingungslose Liebe zum künst¬lerischen Schaffen, gerade bei einer Bühne, die den Einflüssen der Witterung wie der Natur überhaupt mehr oder minder ausgesetzt ist, besondere Bedeu¬tung und besonderen Wert ha¬ben. Diese Erkenntnis gibt uns immer wieder den Mut und den festen Willen weiterzuarbeiten an einem kulturellen Werk, das weit über unsere Landschaft hin¬aus sich nunmehr einen gewissen Namen und eine gewisse Aner¬kennung erworben hat.
Jeder, der sich der Kunst verschreibt, muss wissen, dass er dazu verurteilt ist, in erster Linie ein Dienender zu sein. Das gilt für den Regisseur genau wie für den Darsteller, den Dirigenten, wie für jedes Orchestermitglied. Oberhaupt für alle, die in Gemein¬samkeit an der Gestaltung eines Kunstwerkes beteiligt sind. Künstlerisches Schaffen innerhalb einer Freilichtoper verlangt gegenüber dem geschlossenen Raum beson¬deren Einsatz und Konzentration, von jedem Mitwirkenden. Dass dieser Einsatz, dieses Sicheinfühlen in ein Kunstwerk uns in den letzten Jahren trotz aller hemmenden Ein¬flüsse beschieden war, stimmt uns dankbar und glücklich. Es gibt uns die innere Kraft, weiterhin zu wirken für ein gutes Gelingen auch der vor uns liegenden Spiel¬zeit. Wir sind überzeugt davon, dass wir damit zu unserem Teil mitschaffen zum Segen der Kunst überhaupt und zur Erbauung derer, die uns ihr Interesse und ihre Gunst schenken.
Kurt Brinck
Abb.
Hans-Otto Kloose
Abb.
Herrmann Rohrbach
Abb.
Käthe Möller-Siepermann
Abb.
Hans Hoim-Claussen
Aus den Tagebuchaufzeichnungen
Carl Maria von Weber:
Abends als erste Oper im Neuen Schauspiel¬haus: Der Freischütz wurde mit dem unglaub¬lichsten Enthusiasmus aufgenommen. Ouver¬türe und Volkslied da capo verlangt, über¬haupt von 17 Musikstücken 14 lärmend applaudiert; alles ging aber auch vortrefflich und sang mit Liebe; ich wurde herausgerufen und nahm Mad. Seidler und Mlle. Eunicke mit heraus, da ich der anderen nicht habhaft werden konnte. Gedichte und Kränze flogen. Soli deo glorio.
… Im „Freischütz“ liegen zwei Hauptele¬mente, die auf den ersten Blick zu erkennen sind: Jägerleben und das Walten dämoni¬scher Mächte, die Samiel personifiziert. Ich hatte also bei der Komposition zunächst für jedes dieser beiden Elemente die bezeichnendsten Ton- und Klangfarben zu suchen. Diese Ton- und Klangfarben bemühte ich mich festzuhalten und nicht bloss da anzu¬bringen, wo der Dichter das eine oder das andere der beiden Elemente angedeutet hatte, sondern auch da, wo sie sonst von Wirkung sein konnten. Die Klangfarbe, die Instrumen¬tation für das Wald- und Jägerleben war leicht zu finden: die Hörner lieferten sie. Die Schwierigkeit lag nur in dem Erfinden neuer Melodien für die Hörner, die einfach und volkstümlich sein mussten. Zu diesem Zwecke sah ich mich unter den Volksmelodien um, und dem eifrigen Studium derselben habe ich es zu danken, wenn mir dieser Teil meiner Aufgabe gelungen ist. Ich habe mich sogar nicht gescheut, einzelnes aus solchen Melo¬dien – soll ich sagen notlich? – zu benutzen. Die wichtigste Stelle für mich waren die Worte des Max: „Doch mich umgarnen finstre Mächte“; denn sie deuteten mir an, welcher Hauptcharakter der Oper zu geben sei ... Ich habe lange und viel gesonnen und gedacht, welcher der rechte Hauptklang für dies Unheimliche sein möchte. Natürlich musste es eine dunkle, düstere Klangfarbe sein, also die tiefsten Regionen der Violonen, Violen und Bässe, dann namentlich die tiefsten Töne der Klarinette, die mir ganz geeignet erscheinen zum Malen des Unheimlichen, ferner die kla¬genden Töne des Fagotts, die tiefsten Töne der Hörner, dumpfe Wirbel der Pauken oder einzelne Paukenschläge ...
Abb.
Klaus Bertram
Abb.
Ticho Parly
Abb.
Anna Maria Fackler
EUTINER SOMMERSPIELE 1962
OPER IM SCHLOSSPARK
20 Uhr
Carmen
Oper in vier Akten von Georges Bizet
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach einer Novelle von Prosper Mérimée
Musikalische Leitung: Erwin Jamrosy
Inszenierung und Bühnenbild: Kurt Brinck
Chöre: Joachim von Oertzen
Personen:
Don Jose, Sergeant Ticho Parly
Escamilla, Stierfechter Hans-Otto Kloose
Remendado, Schmuggler Hans Holm-Claussen
Doncairo, Schmuggler Paul de Medina
Zuniga, Leutnant Hermann Rohrbach
Morales, Sergeant Adalbert Waller
Carmen, ein Zigeunermädchen Maria Hall
Micaela, ein Bauernmädchen Marina Türke
Frasquita, Zigeunermädchen Anna Maria Fackler
Mercedes, Zigeunermädchen Renate Gutmann
Soldaten – Srierfechter – Schmuggler
Zigarettenarbeiterinnen – Bürger
Zigeuner – Zigeunerinnen – Strassenjungen
Ort der Handlung: in und bei Sevilla
Hamburger Syrnphoniker
(Vereinigte Hamburger Orchester)
Chor der „Eutiner Sommerspiele“
Beleuchtung: Walter Hasselmann
Masken: Wolfgang Focke
Inspizient: Hans Basseng
Kostüme: Waldemar Berke, Hilde Kalkbrenner
Pause nach dem 2. Akt
Heiliger Augenblick
Friedrich Schiller
Heilig und feierlich ist immer der stille, der grosse Augenblick im Theater, wo die Herzen so vieler Hunderte, wie auf den allmächtigen Schlag einer magischen Rute, noch der Phan¬tasie eines Dichters beben, wo herausgerissen aus ollen Masken und Winkeln der natürliche Mensch mit offenen Sinnen horcht: wo ich des Zuschauers Seele am Zügel führe und noch meinem Gefallen einem Ball gleich dem Himmel oder der Hölle zuwerfen kann. Und es ist Hochverrat an dem Genius, Hochverrat an der Menschheit, diesen glücklichen Augen¬blick zu versäumen, wo so vieles für das Herz kann verloren oder gewonnen werden.
Abb.
Maria Hall
Abb.
Clementine Mayer
Abb.
Marina Türke
Abb.
Renate Gutmann
Abb.
Adalbert Waller
Abb.
Hans Sotin
Abb.
Paul de Medina
Informationen
Oper in vier Akten
Komponist: Georges Bizet
Librettisten: Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Uraufführung: 3. März 1875
Ort: Paris
Spielstätte: Opéra-Comique (Salle Favart)