Auf der Bühne und im Kino ist das Musical „Cabaret“ international ein Liebling eines jeden Publikums. 1966 erstmals am Broadway aufgeführt, spiegelt diese Liebesgeschichte aus dem Berlin der späten „Goldenen Zwanziger“ ebenso mitreißend wie nachdenklich stimmend den turbulenten Zeitgeist zum Ende der Weimarer Republik. Mit „Willkommen, bienvenue, welcome!“ lieferte der Erfolgskomponist John Kander („New York, New York“) die Erkennungsmelodie Nr. 1 für Musicals allgemein, speziell natürlich für „Cabaret“.
Erzählt wird die Geschichte des US-Schriftstellers Clifford Bradshaw, der in Berlin Inspirationen für ein neues Buch sucht. Ein Reisegefährte schickt ihn in den Kit-Kat-Klub, wo er die Sängerin Sally Bowles kennenlernt. Beide werden ein Paar, sie wohnen zusammen in der Pension von Fräulein Schneider. Auf die hat der Obstverkäufer Herr Schultz ein Auge geworfen, doch dessen Hoffnungen platzen: Fräulein Schneider wird gewarnt, einen Juden zu heiraten. Und auch für Sally und Clifford scheint nicht mehr lange die Sonne: Als sie schwanger wird, will sie ihre Cabaret-Karriere nicht aufgeben. Er hingegen sieht die Gefahr einer gewaltsam werdenden Juden- und Fremdenfeindlichkeit in der heraufziehenden Nazi-Diktatur. Er will mit Sally Berlin verlassen, doch sie will bleiben: Was hat denn die Politik mit ihrem Leben zu tun? Wir wissen, wie’s endet …
DIE HANDLUNG
WILLKOMMEN – BIENVENUE – WELCOME
Berlin Ende der 1920er‑Jahre: Die Stadt ist ein brodelnder Schmelztiegel aus Kunst, Politik, Vergnügen und wachsender Gefahr. Inmitten dieser widersprüchlichen Welt landet der junge amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw, der Inspiration für seinen neuen Roman sucht. Auf der Zugfahrt lernt er den charmanten, aber zwielichtigen Ernst Ludwig kennen, der ihm ein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider vermittelt. Dort begegnet Cliff auch dem freundlichen Obstverkäufer Herrn Schultz, einem jüdischen Kleinbürger, der sich in die resolute Pensionswirtin verliebt.
Der Kit‑Kat‑Club – ein Spiegel der Zeit
Noch am ersten Abend führt Ludwig Cliff in den Kit‑Kat‑Club, einen Nachtclub, in dem ein schillernder Conferencier das Publikum durch frivole Nummern, halbnackte Tänzerinnen und bissige Satire führt. Hier trifft Cliff auf Sally Bowles, die exzentrische englische Sängerin des Clubs. Sie lebt impulsiv, laut, glamourös – und oft am Abgrund.
Zwischen Cliff und Sally entsteht eine leidenschaftliche, aber chaotische Beziehung. Als Sally von ihrem Geliebten Max verlassen wird, zieht sie kurzerhand bei Cliff ein. Die beiden führen eine offene, unstete Partnerschaft, die zwischen Zuneigung, Eifersucht und Selbsttäuschung schwankt.
Liebe in unsicheren Zeiten
Während Cliff versucht, sich als Schriftsteller durchzuschlagen, nimmt er aus Geldnot ein Angebot von Ernst Ludwig an: Er soll Devisen aus Paris nach Berlin schmuggeln. Cliff ahnt nicht, in welche politischen Kreise er sich damit hineinziehen lässt.
Sally wird schwanger – von wem, bleibt unklar. Cliff möchte Verantwortung übernehmen und mit ihr in die USA gehen, um ein neues Leben zu beginnen. Sally hingegen schwankt zwischen Hoffnung, Angst und dem Wunsch, ihre Freiheit nicht zu verlieren.
Fräulein Schneider und Herr Schultz – ein zartes Glück
In der Pension entwickelt sich eine leise, rührende Liebesgeschichte: Herr Schultz umwirbt Fräulein Schneider mit exotischen Früchten und höflicher Zurückhaltung. Als die beiden sich verloben, scheint ein kleines Stück Normalität möglich. Doch die politische Stimmung kippt.
Bei der Verlobungsfeier zeigt Ernst Ludwig offen seine nationalsozialistische Gesinnung und warnt Fräulein Schneider vor einer Ehe mit einem Juden. Herr Schultz versucht, die Gefahr herunterzuspielen – er sei doch „ein guter Deutscher“. Doch die Bedrohung ist real, und Fräulein Schneider beginnt zu begreifen, dass ihre Zukunft mit Schultz unter dem neuen Regime kaum Bestand haben wird.
Der Abgrund rückt näher
Cliff erkennt, dass Ernst Ludwig in nationalsozialistische Aktivitäten verstrickt ist, und will sich von ihm lösen. Gleichzeitig wird Sally immer stärker in die glitzernde, aber zerstörerische Welt des Kit‑Kat‑Clubs zurückgezogen.
Die politische Realität dringt unaufhaltsam in das Leben aller Figuren ein. Beziehungen zerbrechen, Träume verblassen, und die scheinbar unbeschwerte Welt des Nachtclubs wird zum düsteren Spiegel einer Gesellschaft, die in den Abgrund taumelt.
Nichts bleibt, wie es war
Am Ende steht Cliff vor der Entscheidung, Berlin zu verlassen – und Sally vor der Frage, ob sie ihm folgen kann oder ob sie untrennbar mit der Bühne, dem Rausch und ihrer eigenen Illusion verbunden ist.
Der Kit‑Kat‑Club spielt weiter, doch die Leichtigkeit ist verschwunden. Hinter dem grellen Licht lauert die neue Zeit – und sie wird alles verändern.
Reizvolle Aufgabe
Christoph Bönecker hat nach dem Studium an der Folkwang Universität der Künste schnell Fuß gefasst in der Welt der Musicals. Als musikalischer Leiter ist er seit Langem bei international erfolgreichen Produktionen gefragt. An „Cabaret“ findet er besonders reizvoll die Parallelen zwischen den aktuellen Ereignissen und der Zeit vor 100 Jahren.
Herr Bönecker, Ihre Karriere ist gepflastert mit musikalischen Leitungsaufgaben bei bedeutenden Musical-Produktionen in Großstädten wie Hamburg, Shanghai oder Berlin. Jetzt geben Sie den Takt an für Cabaret bei den Eutiner Festspielen, wie erleben Sie den Wechsel an die Naturbühne in der Kleinstadt?
Was mich an dem Wechsel gereizt hat, war – neben der wunderschönen Gegend – das Aufführen von Musicalklassikern, die in einem En-suite-Betrieb mit acht Vorstellungen pro Woche in den großen Häusern nicht gespielt werden. Und das noch mit angemessen großen Orchester- respektive Bandbesetzungen!
Welche Herausforderungen gibt es für Sie bei diesem Musical?
Da es sich bei dieser Musik um eine Bandbesetzung handelt, so wie es auch im Kit-Kat-Club gewesen wäre, habe ich mich entschieden, selbst Klavier zu spielen. Somit habe ich die Doppelaufgabe des Pianisten und Dirigenten in Personalunion. Als zusätzliche Schwierigkeit kommt hinzu, dass ich mit der Band hinter den Darstellern auf der Bühne sitzen werde, ich also oft keinen Blickkontakt zu ihnen haben werde.
Für die Filmversion von Cabaret wurden extra neue Songs komponiert. Werden die in die Festspiel-Produktion integriert?
Ja, wir spielen die drei Filmsongs Mein Herr, Money und Maybe this time.
Haben Sie eine Lieblingsmelodie bei Cabaret?
Mich begleitet schon seit Wochen die Melodie von Willkommen als ständiger Ohrwurm.
Worauf freuen Sie sich, was fürchten Sie bei den Aufführungen auf der Seebühne?
Ich freue mich zuallererst auf das Publikum, speziell nach dieser langen Zwangspause. Ich liebe es, Geschichten mit musikalischen Mitteln für ein Publikum zu erzählen – das hat mir sehr gefehlt.
Bleibt Musical ihr Berufsfeld oder denken Sie manchmal auch an andere Aufgaben im Musiktheater?
Es hat sich bei mir ergeben, dass ich sehr jung eine Dirigentenposition im Musical bekommen habe. Das ist mittlerweile 20 Jahre her und eine interessante Musicalproduktion folgte auf die andere. Prinzipiell bin ich immer offen für alles, aber die Anfragen für die nächsten Jahre kommen alle aus dem Musicalbereich.
Wer hat das Interesse am Musizieren bei Ihnen geweckt?
Gute Frage. In meiner Familie gibt es spannenderweise außer mir keinen Musiker. Wahrscheinlich Tonträger (damals Schallplatten und Kassetten), Radio und Fernsehen.
Mein erster Musicalbesuch war mit 12 Jahren beim Starlight Express in Bochum. Kurz darauf folgte La Cage aux Folles bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen in der Produktion vom Theater des Westens, wo ich viele Jahre später auch als Musikalischer Leiter arbeiten durfte. Von da an war ich von Musicals fasziniert.
Mit welchem Berühmtheiten würden Sie gerne einmal auf der Bühne zusammenarbeiten?
Das wären hauptsächlich Komponisten: Stephen Sondheim, Stephen Schwartz und viele andere.
Interview: Hartmut Buhmann
Informationen
Musik: John Kander
Gesangstexte: Fred Ebb
Buch: Joe Masteroff
Nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten, Erzählungen von Christopher Isherwood. Deutsch von Robert Gilbert, in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker.
Musikalische Leitung: Christoph Bönecker
Inszenierung: Tobias Materna
Choreographie [&] Co-Regie: Vanni Viscusi
Kostümbild: Martina Feldmann
Bühnenbild: Jörg Brombacher
Licht: Rolf Essers
Produktionsleitung: Anna-Luise Hoffmann
Regieassistenz/Inspizienz: Corina von Wedel-Gerlach
Ton: Christian Klingenberg
Maske: Marlene Girolla-Krause
Orchester: Kammerphilharmonie Lübeck (KaPhiL!)