Seine verwandlungsfähige, von den geistigen und musikalischen Strömungen der Zeit leicht beeindruckbare Seele — wohl ein Erbteil seiner italienische, französische, deutsche und schottische Vorfahren aufweisenden Familie — läßt diese Werke in der neueren Operngeschichte eine besondere Rolle einnehmen. Vier dieser Opern, Tiefland, Die toten Augen, den beiden Einaktern Abreise und Flauto solo, war ein durchgreifender Erfolg beschieden. Unter ihnen wiederum steht das 1902—1903 entstandene, dem italienischen Verismo stark verpflichtete Tiefland an erster Stelle. Auch heute noch ist dieses mit sicherem Theaterinstinkt geformte Werk, in dem man aber den zart lyrischen Unterton nicht überhören möge, sehr beliebt.
D’Albert begann mit der Komposition von Tiefland bereits im April 1902, während er noch an seiner Oper Flauto solo arbeitete und während Rudolph Lothar noch mit der Ausarbeitung der Dichtung beschäftigt war. Lothar hatte das spanische Schauspiel Terra baixa von Àngel Guimerà ursprünglich für das Haustheater einer Gräfin ins Deutsche übertragen und wurde von d’Albert, den man auf den wirksamen Opernstoff aufmerksam gemacht hatte, mit der Ausarbeitung des Librettos beauftragt. Das frei erfundene Vorspiel ist eine Idee Lothars. D’Albert ging gründlich an die Komposition heran: er beschaffte sich spanische Tanzweisen und Alpenrufe, und bei Touren im Monte‑Rosa‑Gebiet holte er sich Anregungen aus der Natur der Bergwelt.
Die Vollendung der Partitur verzögerte sich aber wegen Konzertreisen bis zum 2. Juli 1903. Der naturalistische Vorwurf der Dichtung bestimmte d’Albert, bei Tiefland die Ausdrucksformen des Wagnerschen Musikdramas mit Stilelementen des von Mascagni begründeten Verismo zu mischen. Eine blühende Melodik mit einprägsamen Themen charakterisiert koloristisch das Milieu und verleiht stimmungsmäßig dem Werk eine Atmosphäre von eigenartigem Reiz.
Die Uraufführung am 15. November 1903 unter der Leitung von Leo Blech in Prag hatte einen großen Publikumserfolg. Nach dem ausgesprochenen Mißerfolg in Leipzig befolgt d’Albert die Ratschläge seines Verlegers und entschließt sich im Sommer 1904 zu einer Umarbeitung. Der dramatische Ablauf wird gestrafft, vor allem aber werden die beiden letzten Akte der ursprünglich dreiaktigen Oper zusammengezogen. In dieser Neufassung, die am 6. Januar 1905 in Magdeburg zur Erstaufführung gelangt, setzt sich das Werk mit steigendem Erfolg durch. Bereits im Mai 1908 kann d’Albert die 100. Aufführung in der Komischen Oper Berlin dirigieren.
Informationen
Titel: „Tiefland“ (1864—1932)
Komponist: Eugen d’Albert
Libretto: Rudolf Lothar (nach dem Drama „Terra baixa“ von Àngel Guimerà)
Sprache: Deutsch
Entstehungszeit: 1902–1903
Kompositionsbeginn: April 1902
Vollendung der Partitur: 2. Juli 1903
Uraufführung: 15. November 1903
Ort der Uraufführung: Neues Deutsches Theater, Prag