Eutiner Festspiele sagen Spielzeit 2026 ab
Schweren Herzens sagen die Eutiner Festspiele die geplante Spielzeit 2026 ab. „Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Sie ist jedoch notwendig, denn es braucht dringend eine Professionalisierung der Strukturen“, sagt Falk Herzog, der die Geschäfte seit Herbst 2017 ausschließlich ehrenamtlich führt.
Als Verantwortlicher des mittlerweile erfolgreichsten Kulturevents des Sommers in der Region hat Herzog versucht, die Stadt als größten Profiteur für mehr Beteiligung an den Festspielen zu gewinnen, denn für eine ehrenamtliche Geschäftsführung ist der Kulturbetrieb längst zu groß. „Aber leider ist es uns offenbar nicht gelungen, die Kommunalpolitik vom Wert der Eutiner Festspiele für die Stadt zu überzeugen, sodass wir nicht nur die Saisonabsage, sondern mit dem Ende meiner ehrenamtlichen Geschäftsführung auch das Ende der Eutiner Festspiele bekanntgeben müssen“, bedauert Herzog und ergänzt: „Ich hätte mir als Ergebnis der Gespräche mit Fraktionsvertretern und dem Bürgermeister gewünscht, eine Fortführung der Festspiele auch ohne meine Person sicherzustellen.“
Zu den Hintergründen, weshalb eine Erfolgsgeschichte endet
In den vergangenen acht Jahren haben die Eutiner Festspiele eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben: Rekordbesuche, herausragende Produktionen und eine große Resonanz bei Publikum, Presse und Partnern. Dieser Erfolg ist vor allem dem außergewöhnlichen Engagement des gesamten Teams zu verdanken, das mit großer Leidenschaft, Kreativität und unermüdlichem Einsatz gearbeitet hat – „sehr oft über die Grenzen des Normalen hinaus“.
Gleichzeitig sind die Festspiele in ihrem Umfang, ihrer Sichtbarkeit und ihren Anforderungen so stark gewachsen, dass eine rein ehrenamtliche Organisation und Geschäftsführung den notwendigen professionellen Rahmen nicht mehr leisten kann. Das wurde spätestens im Herbst offensichtlich, als die Verwaltung der Festspiele mit der Kontrolle von hunderten Musiker-Rechnungen überlastet wurde und imageschädigend in Verzug geriet.
Um Qualität, Verlässlichkeit und nachhaltige Arbeitsbedingungen von zwei großen Eigenproduktionen wie einer Oper und einem Musical zu gewährleisten, braucht es neue Organisationsstrukturen und eine solide personelle wie finanzielle Basis. „Deshalb haben wir uns als Festspielbetrieb an den naheliegendsten Partner und Profiteur, die Stadt Eutin gewandt, um eine engere Zusammenarbeit anzustreben und damit vergleichbaren Festivals in Deutschland zu folgen, die alle in kommunaler Trägerschaft oder mit kommunaler Beteiligung existieren (siehe Wissenswertes am Ende dieses Textes).
Die Stadt Eutin samt Kommunalpolitik als starken Partner gewinnen
Die Eutiner Festspiele hingegen erwirtschafteten bislang etwas mehr als 95 Prozent des Gesamtbudgets selbst, das begrenzte die Möglichkeiten stark, personelle Strukturen passend zum Festspiele-Wachstum zu entwickeln. Alle erwirtschafteten Ressourcen flossen in den Spielbetrieb und die Qualität der Festspiele für deren Gäste. Private Gewinnbeteiligungen gibt es bei ein er gemeinnützigen Gesellschaft nicht und widersprach zudem der Motivation der beiden Gesellschafter, die Musikkultur im ländlichen Raum zu unterstützen.
Die Idee der Eutiner Festspiele: Die Stadt Eutin wird zum starken Partner der Festspiele und stellt einen hauptamtlichen Geschäftsführer, der mit einer den Festspielen und ihrem Erfolg angepassten Förderkulisse weitere notwendige personelle und inhaltliche Entscheidungen verantwortet. „Wir haben seit der Wertschöpfungsstudie von Actori 2018 immer wieder davon gesprochen, dass die Eutiner Festspiele ein Unikum in Sachen Finanzierung und Organisation sind und dass dies dringend professionalisiert werden muss. Bei der Stadt stießen wir auf offene Ohren und danken dem Bürgermeister und der Verwaltung für ihre Bemühungen. Aber alle Angebote, die wir der Politik unterbreitet haben, fanden keine Mehrheit.“
Studie 2018: Jeder Euro in die Festspiele zahlt sich siebenfach für die Stadt Eutin aus
Zur Erinnerung: Eine Kernaussage der Studie war, dass jeder investierte Euro in die Eutiner Festspiele siebenfach in die Stadt/Region zurückfließt als wirtschaftliche Wertschöpfung. Mit gesteigerter Besucherzahl dürfte sich der Faktor erhöht haben, die Fördermittel hingegen haben sich binnen dieser Zeit verringert, wie Herzog betont. Enorme Kostensteigerungen nach Corona in der Eventbranche sowie bei Material und Personal nach dem Ausbruch des Ukrainekrieges haben auch die Belastungen für die Festspiele deutlich erhöht. Gleichzeitig hatte Herzog bereits bei der Übernahme der Festspiele Ende 2017 gesagt, die Geschäftsführung nur eine sehr befristete Zeit übernehmen zu können, weil ein Schritt zur Professionalisierung nur in hauptamtlicher Verantwortung sowie größerer öffentlicher Förderkulisse und kommunaler Trägerschaft erfolgen könne.
Wie soll sich die Stadt eine Beteiligung bei den Festspielen leisten können?
„Uns ist bewusst, dass sich die Stadt in finanziell schwierigen Zeiten befindet, deshalb hatten wir unser Angebot der Beteiligung mit fünf Prozent im Wert von 1250 Euro denkbar niedrig gehalten für den Einstieg in eine neue Festspiele-GmbH. Bis Sommer sollte die Stadt als größter Profiteur Mehrheitseigner werden“, sagt Herzog. „Es ging uns nicht ums Geld, sondern ein starkes Signal und Bekenntnis zu den Festspielen. Wir sind überzeugt davon, dass der Mehrwert für die Stadt Eutin von diesem saisonalen Großereignis enorm und erhaltenswert ist – allerdings nicht allein von zwei Privatpersonen und unter ehrenamtlicher Geschäftsführung“, betont Herzog.
Doch ohne ein solches gesichertes Signal der Kommunalpolitik und Stadt, die Festspiele in eine langfristige Zukunft führen und Verantwortung übernehmen zu wollen, konnten die beiden privaten Gesellschafter nicht anders, als die Reißleine zu ziehen, die beiden großen Produktionen „Hair“ und „Turandot“ abzusagen und sich für das Abwickeln der gemeinnützigen GmbH zu entscheiden.
Ein großer Dank an alle Besucher, Förderer und Unterstützer – und eine kleine Hoffnung bleibt
„Wir danken unserem Publikum für sein Vertrauen und seine Freude an unserem Kulturangebot in einmaliger Kulisse. Es hat uns mit großer Freude erfüllt, nach den Vorstellungen in so viele begeisterte Gesichter zu schauen und wir sind überzeugt vom Produkt Eutiner Festspiele. Umso mehr bedauern wir diesen Schritt, aber ohne hauptamtliche Geschäftsführung und die nötigen Finanzmittel hat ein saisonaler Kulturbetrieb in dieser Größe und der heutigen Zeit keine Chance“, sagt Falk Herzog.
„Wie die bewegte Geschichte der Eutiner Festspiele zeigt, gab es bislang nach jedem Wendepunkt ein kleines oder großes Wunder und es ging weiter. Das würde ich mir auch für dieses Mal wünschen. Aber meine Zeit als ehrenamtlicher Geschäftsführer bei den Eutiner Festspielen ist vorbei.“
Rückerstattung der Tickets – das müssen Festspiele-Kunden beachten
Alle bereits verkauften Tickets für die abgesagte Spielzeit werden selbstverständlich vollständig zurückerstattet. Die Rückabwicklung erfolgt komplett über die Eutiner Festspiele – egal, wo das Ticket erworben wurde. Auf unserer Homepage www.eutiner-festspiele.de finden Sie alle wichtigen Infos zur Rückerstattung. Wer keine Möglichkeit hat, auf unser digitales Rückerstattungsformular zuzugreifen, an dem wir mit Hochdruck arbeiten, erhält zu den Öffnungszeiten unserer Konzertkasse in der Opernscheune das Formular in Papierform und kann es uns ausgefüllt per Mail an erstattung@eutiner-festspiele.de senden.
Wissenswertes: Zur Historie der Festspiele
Was 1951 als ambitioniertes Projekt engagierter Musiker und Kulturfreunde aus Eutin begann, hat sich binnen der vergangenen 75 Jahre zu einem der bedeutendsten Open-Air-Musiktheater Norddeutschlands entwickelt – mit einmaliger Spielstätte und seit 2024 auch einer neuen Tribüne.
Ob 1951 zur ersten Freischütz-Opernaufführung im Schlosspark oder in den vielen Jahrzehnten bis heute waren die Festspiele ohne großes Engagement von Eutinern und Menschen der Region nicht denkbar. Die Schultern derer, die das Risiko zu tragen bereit sind, wurden immer weniger. Am Ende der Spielzeit 2017 trat Falk Herzog Mitgesellschafter der gemeinnützigen Festspiele GmbH von Joachim Scheele und bis Ende 2018 auch noch Arend Knoop bei und übernahm als kommissarischer Leiter der Festspiele die Verantwortung. Formuliertes Ziel von Herzog war, den Eutiner Festspielen mit damals 14.000 Besuchern wieder zu ihrem alten Glanz mit überregionaler Beachtung und Reichweite zu verhelfen.
Die Opernscheune wurde saniert und für die Nutzung der Eutiner Festspiele passend ausgebaut, ein Gastronomie-Pavillon errichtet, um dem steigenden Wunsch der Gäste nach einem „Rund-um-Erlebnis“ gerecht zu werden, und die wichtigen Gewerke für den Spielbetrieb professionalisiert – all das unter ehrenamtlicher Geschäftsführung von Falk Herzog. 2021 entschied sich die Stadt Eutin, die Bauherrin ist, mit der Aussicht auf fast sechs Millionen Euro Fördermittel insgesamt von Bund und Land für den „Ersatzneubau Tribüne Festspiele“ mit einem Eigenanteil von 600.000 Euro. Diese sollten mit einer Pachtzahlung durch die Festspiele langfristig finanziert werden. 2022 begannen die Bauarbeiten, die mit rund 20 Monaten insgesamt deutlich länger dauerten, als ursprünglich geplant, die Kosten explodierten, eine Spielzeit musste abgesagt werden und die Mängelbeseitigung dauert auch nach der Eröffnung 2024 bis heute an.
Wissenswertes: Fördermittel vergleichbarer Festivals und Festspiele in Deutschland
Die Festspiele in Bad Hersfeld (rund 30.000 Einwohner, 100.000 Besucher) erhalten allein von der Kommune rund 1,5 Millionen. Der Gesamt-Etat der 74. Bad Hersfelder Festspiele 2025 belief sich laut Osthessenzeitung auf 8,6 Millionen Euro. Der Bund gab demnach 307.000 Euro, und das Land Hessen bezuschusst die Festspiele mit 770.000 Euro. Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg fördert die Festspiele mit 194.000 Euro. Die Stadt Bad Hersfeld ist Hauptträgerin der Festspiele und trägt somit den Großteil der finanziellen Verantwortung. Der Zuschussbedarf (Defizitausgleich) durch die Stadt und das Land Hessen liegt jährlich oft bei 2 bis 3 Millionen Euro.
Die Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel (rund 8900 Einwohner, rund 117.000 Besucher, Spielzeit Mai bis September) bekommen beispielsweise 650.000 Euro allein vom Freistaat Bayern plus kommunale Mittel. Die Synergie, die auch in Eutin denkbar wäre, ist hier funktionierendes Modell: Die Geschäftsführung des Tourismus- und Fremdenverkehrsamtes hat die kaufmännische Leitung inne, ein Kreativteam wird für die Luisenburg-Festspiele zusätzlich engagiert.
Das Schleswig-Holstein Musikfestival (2,9 Millionen Einwohner, rund 200.000 Besucher) wurde in vergangenen Spielzeiten allein vom Land Schleswig-Holstein mit 1,7 Millionen gefördert. Die Eutiner Festspiele (rund 17.300 Einwohner, 65.000 Besucher) sind in Sachen Fördermittel Schlusslicht: 2025 haben sie von Land, Kreis und Stadt zusammen rund 240.000 Euro erhalten.