Cabaret – Willkommen, bienvenue, welcome!

Cabaret
Willkommen, bienvenue, welcome!

Auf der Bühne und im Kino ist das Musical „Cabaret“ international ein Liebling eines jeden Publikums. 1966 erstmals am Broadway aufgeführt, spiegelt diese Liebesgeschichte aus dem Berlin der späten „Goldenen Zwanziger“ ebenso mitreißend wie nachdenklich stimmend den turbulenten Zeitgeist zum Ende der Weimarer Republik. Mit „Willkommen, bienvenue, welcome!“ lieferte der Erfolgskomponist John Kander („New York, New York“) die Erkennungsmelodie Nr. 1 für Musicals allgemein, speziell natürlich für „Cabaret“.

Erzählt wird die Geschichte des US-Schriftstellers Clifford Bradshaw, der in Berlin Inspirationen für ein neues Buch sucht. Ein Reisegefährte schickt ihn in den Kit-Kat-Klub, wo er die Sängerin Sally Bowles kennenlernt. Beide werden ein Paar, sie wohnen zusammen in der Pension von Fräulein Schneider. Auf die hat der Obstverkäufer Herr Schultz ein Auge geworfen, doch dessen Hoffnungen platzen: Fräulein Schneider wird gewarnt, einen Juden zu heiraten. Und auch für Sally und Clifford scheint nicht mehr lange die Sonne: Als sie schwanger wird, will sie ihre Cabaret-Karriere nicht aufgeben. Er hingegen sieht die Gefahr einer gewaltsam werdenden Juden- und Fremdenfeindlichkeit in der heraufziehenden Nazi-Diktatur. Er will mit Sally Berlin verlassen, doch sie will bleiben: Was hat denn die Politik mit ihrem Leben zu tun? Wir wissen, wie’s endet …

Informationen

Musik: John Kander
Gesangstexte: Fred Ebb
Buch: Joe Masteroff

Nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten, Erzählungen von Christopher Isherwood. Deutsch von Robert Gilbert, in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker.

Musikalische Leitung: Christoph Bönecker
Inszenierung: Tobias Materna
Choreographie & Co-Regie: Vanni Viscusi

Kostümbild: Martina Feldmann
Bühnenbild: Jörg Brombacher
Licht: Rolf Essers
Produktionsleitung: Anna-Luise Hoffmann
Regieassistenz/Inspizienz: Corina von Wedel-Gerlach
Ton: Christian Klingenberg
Maske: Marlene Girolla-Krause

Orchester: Kammerphilharmonie Lübeck (KaPhiL!)

Tickets / Termine


Wie Motten das Licht umschwirren die Männer den Nachtclubstar Sally Bowles (Jasmin Eberl).

Willkommen – Bienvenue – Welcome

Berlin am Vorabend der 30er-Jahre. Die Stadt ist trotz politisch unruhiger Zeit ein Anziehungspunkt für Menschen aus allen Ländern. So auch für Clifford Bradshaw, den jungen amerikanischen Schriftsteller, der in der deutschen Hauptstadt Material für einen Roman sammeln will. Im Zug trifft er den Devisenschmuggler Ernst Ludwig, der ihm ein Zimmer in Fräulein Schneiders Pension vermittelt. Dort lernt Cliff den Obsthändler Schultz kennen. Ludwig lädt den Neuankömmling noch am selben Abend in den berühmt-berüchtigten Kit-Kat-Club ein – einen Amüsiertempel mit einem zynisch-schmierigen Conférencier, halbnackten Girls und einer extrovertierten Sally Bowles, die für Geld nicht nur singt. Sie ist zwar mit dem Clubbesitzer Max liiert, verliebt sich aber Hals über Kopf in Cliff, und auch er ist fasziniert von ihr. Tags darauf steht Sally vor seiner Tür. Max hat ihr den Laufpass gegeben, sie sucht eine Bleibe und kann Cliff überreden, sie bei sich aufzunehmen. Cliff und Sally sind jetzt seit einiger Zeit zusammen, aber auch offen für Affären. Als Sally schwanger wird, gibt sie vor, nicht zu wissen, von wem. Sie denkt auch an Abtreibung, aber Cliff will sie davon abhalten und mit ihr in den USA eine neue Existenz aufbauen – es könnte ja auch sein Kind sein.¹ Da er Geld braucht, bietet ihm Ernst Ludwig an, in seinem Auftrag Devisen aus Paris nach Berlin zu schmuggeln.

Blitzschnell füreinander entflammt sind die liebeslustige Sally Bowles und der amerikanische Literat Cliff Bradshaw (Julian Culemann).

Neben Herrn Schultz wohnt in der Pension auch Fräulein Kost, die – sehr zum Missfallen der Wirtin – eine kostenpflichtige Vorliebe für die »blauen Jungs« von der Marine hat. Aber auch Fräulein Schneiders Ruf ist in Gefahr: Der eher scheue Herr Schultz versucht erfolgreich, sie mit exotischen Früchten zu becircen – und wird ertappt, als er aus ihrem Zimmer kommt. Um seine Angebetete zu retten, behauptet Schultz, dass er Fräulein Schneider heiraten werde. Die ist zwar überrascht, aber nimmt gerührt den Antrag an.

Sally arrangiert die Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz. Cliff, gerade aus Paris zurück, übergibt Ludwig Ernst eine Tasche mit den geschmuggelten Devisen. Jener zeigt sich jetzt ganz offen als Nationalsozialist und warnt Fräulein Schneider davor, einen Juden zu heiraten – aber Herrn Schultz macht er damit keine Angst, denn der fühlt sich trotz seines Vornamens Isaak als Deutscher. Da stimmt Fräulein Kost voller Berechnung die politisch aufgeladene Hymne »Der morgige Tag ist mein …« an. Das Schicksal nimmt seinen Lauf – und nichts wird so bleiben, wie es war.

Auf Wiedersehn – à bientôt...


»Bis früh um Fünfe!«, Aquarell von Lutz Ehrenberger, 1922, (akg-Images)
»Bis früh um Fünfe!«, Aquarell von Lutz Ehrenberger, 1922, (akg-Images)

Berlin – Das andere Babylon

Beim Thema »Berlin in den Zwanzigern« denkt man seit einiger Zeit mit Recht an die TV-Reihe »Babylon Berlin« auf Basis der Bücher von Volker Kutscher, die einem Millionenpublikum wohlige Schauer über den Rücken gejagt und den Begriff »Babylon« dramatisch wiederbelebt hat. Wurde einst die Welthauptstadt der Antike so bezeichnet, dient er seitdem als Synonym für alles, das jenseits der gesetzestreuen Vorstellungskraft liegt, tief im menschlichen Innern aber eine unausgesprochene Faszination – die Faszination des Bösen, des Verbotenen – ausübt.

Babylon: erste Mega-City der Geschichte und größter irdischer Gegenspieler der Religion. Als Zentrum der Unmoral und des Verbrechens zugleich Bindeglied zwischen antiker Geschichte und moderner Zivilisation, Sinnbild für Größenwahn (Turmbau zu Babel)¹, die unweigerliche Entfremdung der Gesellschaft (»babylonische Sprachverwirrung«)² und für die Herrschaft, die Unterdrückung und die Korruption. Bereits in der biblischen Offenbarung des Johannes wird Babylon als Mutter aller Huren und der Gräuel der Erde bezeichnet.³ Beste Voraussetzungen also für einen Vergleich mit Berlin, beste Voraussetzungen also für eine gediegene Subkultur.

Dabei ist in der Kultur der Zwanziger Jahre gar nicht alles »Sub« in Berlin. Man trifft sich am Hermannplatz auf der Karstadt-Dachterrasse ebenso wie im »Bermuda-Dreieck« zwischen Bülowstraße und Wittenbergplatz, wo eine große Anzahl schwule und lesbische Vergnügungsstätten auf Gäste warten.⁴ Oder im Moka Efti, einer Mischung aus Bar, Restaurant, Tanzlokal, multisexuellem Bordell und Treffpunkt der Unterwelt. Das Haus Vaterland am Potsdamer Platz bietet ein Dutzend Motto-Restaurants von den Rheinterrassen mit stündlichem Wolkenbruch und Kunstgewitter bis zur Arizona- Bar mit Wild West-Flair.

Theater, Kino, Varieté, Revue … das Jahr hat gar nicht so viel Tage, wie man in Berlin mit Kultur verbringen könnte. Oder Vergnügen. Oder Beidem. Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin⁵ lässt den Leser tief in die pulsierende Metropole eintauchen und listet in der Legende, natürlich unvollständig, 130 Etablissemangs aller Kulör auf. Übrigens starten die sagenumwobenen »Goldenen Zwanziger« nicht mit Beginn des Jahrzehnts, sondern kommen erst nach dem Ende der Inflation 1923 in Fahrt, überdauern die Weltwirtschaftskrise 1929 und enden abrupt und gemeinsam mit der Weimarer Republik. Aber Babylon beginnt schon viel früher.

Das legendäre Moka Efti – in seiner Sogwirkung vergleichbar mit dem Berghain heute. Für die TV-Serie »Babylon Berlin« wurde das Moka Efti als Kulisse in einem Kino in Weißensee nachgebaut. (akg-Images/ Frédéric Batier/X-Filme)

»Die Hure Babylon«, Offenbarung 17,1-18. Handkolorierter Druck aus der Lutherbibel, 1534

Die Nation hat viel aufzuholen. 1871 als Deutsches Reich fulminant mit dem Rückenwind dreier gewonnener Kriege gestartet, landet Deutschland mit der Niederlage im Weltkrieg 1918 unsanft auf dem sprichwörtlichen Hintern. »Heil dir im Siegerkranz, nimm was du kriegen kannst …« wird nach der Abdankung von Wilhelm II. die Kaiserhymne, nunmehr a. D., verballhornt. Die Monarchie ist nur noch eine Fußnote der Geschichte, aber sie hat der in Rekordzeit aus dem Boden gestampften Republik die finanzielle Insolvenz vererbt. Reparationszahlungen können kaum geleistet werden, die Inflation – Man ging mit einem Wäschekorb voller Geld einkaufen und konnte das Gekaufte ins Portemonnaie stecken – lässt sich nicht aufhalten.⁶ Im Januar 1919 wird von den Kriegsalliierten erstmals das Rheinland besetzt. Und als wäre das nicht genug: politische Unruhen, Putschversuche, Not und Hunger. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

»Berlin, dein Tänzer ist der Tod«, schreibt Paul Zech und greift das biblische Bild von Babylon wieder auf: »Berlin, das ist ein Höllenpfuhl / da hockt die Hure Zeitvertreib / in einem goldnen Schaukelstuhl / und bläht ihn auf, den blanken Leib / und schluckt mit Haut und Haar die Knaben / die ihren Vater längst vergessen haben.«⁷

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