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Eutins Festspiele-Bühnenbilder Jörg Brombacher berichtet über des Künstlers Leid im Lockdown

aus: OHA-Online von Constanze Emde

Lockdown heißt für Künstler und Schauspieler Berufsverbot: Über die Not der Kreativen und Premieren ohne Publikum.

EUTIN | Eutins Festspiele-Bühnenbildner Jörg Brombacher hält es wie Richard von Weizsäcker vor 30 Jahren: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Doch der Wert des kulturellen Guts, so Brombacher, den habe Corona vergessen lassen – vor allem bei den Entscheidern im politischen Raum. Als fünftes Rad am Wagen fühlten sich Kulturschaffende und Künstler.

„Es sagt doch viel aus über eine Gesellschaft, wenn Kultur als Freizeitgestaltung gesehen und bei den Lockdown-Regelungen in einem Atemzug mit Bordellen und Discos genannt wird“, sagt Bühnenbildner Brombacher und macht aus seiner Frustration darüber kein Geheimnis. Der Beigeschmack sei ein Jahr nach Pandemiebeginn umso bitterer, denn bei Lufthansa und anderen Unternehmen würde nur um die Höhe der Milliarden geredet, nicht aber die Unterstützung generell in Frage gestellt. Dabei müsse der Politik daran gelegen sein, sich Kultur als geistiges Gut zu leisten, denn in Amerika, Ungarn oder Russland sei doch sichtbar, was passiere, wenn Populismus fruchte.

Die Festanstellung im Theater rettete Brombacher
Der Bühnenbildner, den Eutiner seit drei Jahren von den Festspielen kennen, hat Glück im Unglück, wie er selbst sagt. Anders als die meisten in der Kulturszene hat er eine Festanstellung als Bühnenbilder am Theater in Pforzheim. Auch während des Spielverbots gingen Mitarbeiter wie er nicht völlig leer aus, sondern bekamen Kurzarbeitergeld. Seine Frau, Brigitte Urhausen, ist Schauspielern: Kein Engagement, kein Geld.

Kaum ein Künstler erhalte Kurzarbeitergeld, auch die Hilfen gingen an der Lebenswirklichkeit vorbei
Bei ihr und im Freundeskreis bekommt er hautnah mit, welch' Privileg das Kurzarbeitergeld scheint. Denn die staatliche Unterstützung für Künstler gehe an der Lebenswirklichkeit vieler vorbei. Brombacher erklärt: „In Bayern und Baden-Württemberg gab es eine Einmalzahlung an Künstler. Die Soforthilfen sind aber nur anrechenbar für Betriebskosten und laufende Kosten, nicht für Honorarausfälle.

Aber ein Schauspieler hat ja keine Betriebskosten, weil er theoretisch überall üben kann und die meisten das Zuhause machen.“ Einzig eine Ratenfinanzierung eines Instrumentes oder ähnliches könnten Künstler anteilig einbringen. Aber was helfe das, wenn sie nicht wissen, wovon sie leben sollen und wann sie wieder auftreten können?

Kreativ in der Adventszeit – Kultur als Lichtblick im Kleinen
Brombacher und seiner Frau geht es ähnlich. Beide haben bei sich zuhause ein Atelier, in dem er arbeiten kann. Aber ohne Mietvertrag (weil Eigentum) kein Kostenzuschuss. Nachdem die Liste seiner abgesagten Projekte an Theatern und Freilichtbühnen die Anzahl seiner Finger überschritt und der zweite Lockdown vor der Tür stand, wurde er für die Menschen seines Dorfes kreativ.

Digitaler Adventskalender erfreut die Dorfbewohner
„Vor-Hang-auf“ hieß das Projekt, zu dem Menschen mit dem nötigen Corona-Abstand in der Adventszeit täglich ab 17 Uhr in die Winzergasse in Gleiszellen pilgerten, um einen neuen künstlerischen Beitrag von Brigitte Urhausen in der von Brombacher geschaffenen Medienskulptur zu sehen. Er baute kleine Bühnenräume, die alle mit einem Bildschirm ausgestattet sind, auf dem Urhausen szenische Lesungen und inszenierte Szenen in 24 kleinen Videoclips einspielte.

Die Dorfbewohner seien so dankbar gewesen, das liebe Karten und kleine Geschenke vor der Haustür wiederum das kreative Paar erfreute. Denn neben dem Berufsverbot mit all seinen Konsequenzen, teilen beide die Erfahrung des Homeschooling-Wahnsinns mit zahlreichen Eltern des Landes.

Viele Stücke auf Halde, Planungen für 2021 laufen
Brombacher erlebte im vergangenen Jahr vieles, was er sich eigentlich nie habe vorstellen können in einem Theater: Eine Premiere ohne Publikum des Trafikanten im Herbst beispielsweise ausschließlich vor fünf Presse-Vertretern; Solisten, die innige Szenen voneinander weg gegen die Wand singen oder zueinander mit Plexiglas-Scheibe dazwischen; Künstler, die sich selbst schminken müssen und keine Requisiten anfassen dürfen.

„Im Bühnenbau haben wir das durch verschiedene Höhen und Ebenen gelöst, damit überhaupt mehrere Menschen mit Mindestabstand zeitgleich auf der Bühne stehen können.“

Viele Stücke auf Halde bedeuten für Künstler weitere Arbeitslosigkeit auch „nach“ Pandemie
Aber nachdem so viele Stücke in Theatern auf Halde liegen, die alle noch nicht gezeigt werden konnten, werde sich das Problem arbeitsloser Kreativer noch weit nach Corona ziehen. „Die einstudierten Stücke reichen vielerorts für die nächsten zwei Spielzeiten und der Kampf um künftige Rollen in Castings wird noch härter“, sagt Brombacher. Die Pandemie und ihre Folgen werde als Künstler wohl nur überleben, wer wirklich gut vernetzt ist, schätzt Brombacher.

Bestes Beispiel dafür ist auch Eutin: Die große Inszenierung des Musical-Klassikers West-Side-Story wurde geschoben, ebenso wie Madame Butterfly. Ein hoffnungsvoller Lichtblick war Brombachers Besuch bei den Festspielen im Februar: „Ich hab' das erste Bühnenbild vorgestellt, das zweite ist in Arbeit.“

Ende März wollen die Eutiner Festspiele über die Aufführungen von „La Bohème“ und „Cabaret“ informieren. „Wir wollen und wir werden spielen“ – die Worte von Festspiele-Geschäftsführer Falk Herzog machten Hoffnung.

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