Corona: Informationen zu unseren Hygiene- und Schutzmaßnahmen.    Mehr erfahren

  Ticket-Hotline:   +49 4521 8001-0   |    Mo - Fr   9:00 - 12:00 Uhr

Bewahren und Erneuern

aus: Orpheus von Florian Maier

Die Corona-Krise stellt für die meist privatwirtschaftlich organisierte FESTIVALSZENE eine historische Belastungsprobe dar.

Gedanken zur ungewissen Zukunft einer Kulturdisziplin, die wie kaum eine andere von ihrem derzeit unvorstellbaren Erlebnischarakter zehrt – und zugleich schon oft bewies, dass sie aus der Not eine Tugend machen kann.

Sommerzeit ist Festspielzeit. Ein ungeschriebenes, liebgewonnenes Gesetz der Kulturbranche. Und doch ist 2020 alles anders. Das Corona-Virus lässt die Festspiel-Szene nicht nur Kopf, sondern in weiten Teilen auch stillstehen. Große Traditions-Spielorte des deutschsprachigen Raums wie Bayreuth und Bregenz. Internationale Perlen wie Aix-en-Provence, Glyndebourne, Verona. Viele charmante Kleinode, die es landauf, landab mit atmosphärischem Ambiente oder ungewöhnlicher Programmatik zu entdecken gibt. Und nicht zuletzt auch zeitgenössische Produktionsstätten, deren Forschergeist das Musiktheater des 21. Jahrhunderts vielgestaltig neu auslotet. Sie alle sahen sich vor einigen Monaten plötzlich mit der Frage konfrontiert: Was nun? Wie soll und kann es überhaupt weitergehen?

Eine Antwort darauf ist auch jetzt noch längst nicht gefunden. Die Absageflut des Sommers 2020 hat vieles, was uns selbstverständlich und alltäglich erschien, von heute auf morgen hinweggespült. Natürlich ist davon nicht ausschließlich, aber ganz besonders unsere Festspiel-Landschaft betroffen. Denn diese zieht Krisen magisch an – man könnte fast schon sagen, es liegt in ihrer Natur. Zahlen sprechen hier (wie so oft) leider Bände: Wir leben traditionell 85 Prozent von unseren Karten-verkäufen, nur 15 Prozent unseres Jahresbudgets werden durch öffentliche Förderung finanziert. Die Absage im Frühjahr war daher natürlich eine infernale Vollbremsung kurz vor dem Ziel – und das macht es besonders hart.« Falk Christoph Herzog, Geschäftsführer der holsteinischen Eutiner Festspiele, spricht ein zentrales Problem an, das viele Festivals derzeit lösen müssen. Meist in privater Trägerschaft, sind sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen – die Nachfrage bestimmt das Angebot. Ein Ansatz, der auch im Kultursektor zum Zuge kommt, sobald öffentliche Fördergelder, privates Sponsoring und Einnahmen aus den Kartenverkäufen summa summarum nicht zur wirtschaftlich stabilen Aufrechterhaltung eines künstlerischen Betriebs ausreichen.

Bröckelnde Fundamente
Was erschwerend hinzu kommt: Auch das Argument der Umwegrentabilität „Stichwort Festivaltourismus“ hat in Zeiten stark reglementierter, eingeschränkter Reise- und Übernachtungsmöglichkeiten an Gewicht verloren. Ein Blick ins österreichische Burgenland macht schnell klar: Frühere Erfahrungen bringen in der Krise keinen großen Mehrwert. Erst vor zwei Jahren hatte die Oper im Steinbruch St. Margarethen ganz bewusst ein Zeichen gesetzt, um ihre symbiotische Wechselwirkung mit dem österreichischen Massentourismus auch in den Köpfen der Politik zu verankern. „2018 haben wir mit Absicht ausgesetzt, da damals noch die Unterstützung des Landes gefehlt hat“, erklärt Daniel Serafin, künstlerischer Direktor der Festspiele.

„Doch nun hat uns eine Allmacht getroffen, von der wir keine Ahnung hatten. Wegen Corona haben wir unsere gesamte „Turandot“- Produktion auf den Sommer 2021 verschieben müssen.“ Ein Einschnitt, dem in St. Margarethen früher als in den meisten anderen Orten Rechnung getragen wurde: Bereits im März entschied Serafin mit seinem Team, die Saison 2020 abzusagen. Angesichts immer neuer Regelungen und Vorgaben zur Eindämmung der Pandemie Eingeständnis und Vorahnung, die etablierten Standards des Römersteinbruchs in diesem Sommer nicht realisieren zu können. Wie auch, wenn zahlreiche Bühnenarbeiter auf engstem Raum bis zu drei Monate mit dem Aufbau einer 7.000 Quadratmeter großen Bühne beschäftigt wären. Wenn Künstler aus aller Welt mit verschiedensten Einreisebeschränkungen ihrer jeweiligen Heimat zu kämpfen haben, jedes Engagement im konkreten Einzelfall zu bewerten wäre. Und nicht zuletzt natürlich auch erhoffte Touristenströme und die für eine wirtschaftliche Auslastung notwendige Bestuhlung in der gewohnten Form dieses Jahr nicht denkbar sind.

Gerade jetzt zeigt sich: Festivals zehren von ihrem Event- und Erlebnischarakter, der neben neugierigen Erstbesuchern auch einen starken, immer wiederkehrenden Kundenstamm einschließt. Und auf letzteren ist trotz oder gerade wegen Corona mehr Verlass denn je. „Durch diese Krise haben wir das Wichtigste verloren, was ein Theater besitzt: unser Publikum“, so Falk Christoph Herzog nachdenklich. Er schwärmt vom Vertrauensbeweis und den Solidaritätsbekundungen »seiner« Kunden, die in nicht unerheblicher Zahl mit Spenden und Gutscheinen ihren Teil zur Sicherung der Zukunft der Eutiner Festspiele beitragen. Erfreulicherweise bei weitem kein Einzelfall – auch aus St. Margarethen und vom Immling Festival im oberbayerischen Chiemgau vernimmt man ähnliche Töne. Die dortige musikalische Leiterin Cornelia von Kerssenbrock ist erleichtert, dass neben dem Publikum auch die Sponsoren in der jetzigen Situation ihre Förderzusagen großteils nicht zurückziehen. Natürlich geht es einigen der Unternehmen, die uns seit Jahren tatkräftig unterstützen, aktuell nicht gut. Ein, zwei Festivalpartner haben uns deshalb auch signalisiert, dass sie aussteigen oder pausieren möchten. Gleichzeitig freuen wir uns aber Über viel mehr positive Signale und auch zusätzliche Spenden von Freunden unseres Festivals, die sagen: „Immling darf nicht sterben!“ Die Sorge steht dennoch im Raum: Was, wenn Corona die Welt noch länger in Atem hält? Nicht nur Kulturveranstaltungen sind dann in ihrer Existenz gefährdet, ist die bisherige Größenordnung einer Veranstaltung doch eng mit einer auf die schwarze Null schielenden Ökonomie verquickt. Nein, auch Besucher unterschiedlichster Berufsgruppen denken zukünftig möglicherweise mehr als einmal darüber nach, welchen Kartenpreis sie als Kunde noch in der Lage sind zu zahlen oder in welcher Höhe sie noch als Sponsor aktiv werden können, wenn das eigene Unternehmen vielleicht selbst unter finanziellen Problemen zu leiden hat.

Kursrichtung Zukunft
Doch die Kultur wäre nicht da, wo sie heute ist, wenn sich Künstler über die Jahrhunderte nicht immer wieder als kreative Stehaufmännchen bewiesen hätten. Und so zählt in Immling wie vielerorts auch jetzt der Blick nach vorne: 2021 feiert man das 25. Jubiläum der Festspiele, für das man dank frühzeitiger Vorproben zweier Opern und eines Musicals noch einige Überraschungen neu ins Programm aufnehmen will. Getreu dem Motto „Jetzt erst recht“ konnten auch die Künstler großteils für die neue Termindisposition 2021 verpflichtet werden und erhalten darüber hinaus in diesem Sommer Kurzarbeitergeld für den ursprünglich geplanten Zeitraum ihres Engagements. Leider ein rühmlicher und deshalb besonders lobenswerter Einzelfall im Gegensatz zur Üblichen „No show, no money“-Vertragspraxis der freiberuflichen Solistenszene. Von dieser ebenfalls alles andere als angetan ist man bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater, die sich als reines Uraufführungs-Festival der Erkundung neuer Formen des Musiktheaters verschrieben hat. Schon seit Hans Werner Henzes Zeiten ein im Prinzip dezentral angelegtes Festival, stand für die beiden künstlerischen Leiter Daniel Ott und Manos Tsangaris schnell fest: Eine Absage ist keine Option „schon alleine wegen der über 100 freischaffenden Beteiligten von den Künstlern bis zu Technikern und Mitarbeitern des Produktionsbüros. Letztendlich entschied man sich für den Schritt in ein „dynamisches Festival“. Was darf man sich darunter vorstellen? „Wir koproduzieren mit Opernhäusern und anderen Festivals und verlagern die Proben so auf die halbe Welt. Unsere Grundregel, dass die Uraufführung immer in München stattfinden muss, bevor die Produktion weiterzieht, haben wir für den Moment aufgehoben. Wir streuen die Premieren auf diese Weise auf die nächsten 18 Monate und hoffen, die Werke am jeweiligen Produktionsort schnell zur Uraufführung bringen zu können“, erläutert Manos Tsangaris die konzeptionelle Idee.

Passend dazu hat das längst publizierte Festivalmotto „Point of NEW Return“ ganz neuen, prophetischen Charakter erlangt, Utopien wie Dystopien sind der Gegenwart nähergerückt. Wie wird unsere Welt nach Corona aussehen? Und welchen Einfluss können wir selbst auf unsere Gesellschaft, unser persönliches Schicksal nehmen? Neben aller Brisanz wirtschaftlicher und existenzieller Nöte der Festspielbetriebe dürfen inhaltliche Fragen dennoch keinesfalls ins Hintertreffen geraten. Das Schaffen von Denkanstößen in einer Welt, die schon wieder versucht, schnellstmöglich zum präcoronalen Status quo der Profitmaximierung zurückzukehren, ist gerade jetzt wichtiger denn je. Bei allen Ästhetischen Reizen, die uns bei einem Theaterbesuch erwarten, ist es doch auch die geistige Nahrung, welche das künstlerische Profil eines Festspielortes definiert. Oder in den Worten von Daniel Ott: „Die Suche nach neuen Formaten haben nicht wir begonnen“ die Musikgeschichte ist voll von Aufbrüchen und Experimenten. In jeder Epoche gab es die „Bewahrer“ von Dingen, die bereits möglich waren, ebenso wie Menschen, die an den Rändern gesägt haben, die versucht haben auszubrechen. Die Oper ist eine großartige historische Form “ aber sie ist nicht die einzige Art, Musiktheater zu machen.

Reise ins Ungewisse
Bewahren und Erneuern – zwei konträre und doch fließend ineinandergreifende Prinzipien, die unsere Kulturbranche im Allgemeinen und die Festspiel-Landschaft im Speziellen so farben- und facettenreich machen. Wir können Festspiele besuchen, die einem bestimmten Komponisten oder auch unserer favorisierten Stilrichtung gewidmet sind. Wir freuen uns auf laue Sommerabende vor einzigartigen Naturkulissen. Wir erleben ungewöhnliche Veranstaltungskonzepte, die uns zum Nachdenken anregen. Festspiele sind Oasen des Träumens und der Inspiration der Vergangenheit entwachsen, der Gegenwart verpflichtet, der Zukunft? Wie wird die Festspiel-Szene nach Corona aussehen? Was wird sich ändern, was Bestand haben? Es steht zu befürchten, dass einige bereits vor Corona gefährdete Festivals die aktuelle Belastungsprobe nicht oder nur teilweise bestehen werden, während neue Ideen und Konzepte seitens der Kulturpolitik unter Umständen vorerst nicht mehr gefördert werden. Die Vorlaufzeit der Kartenkäufe wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest bis zum Einsatz eines Impfstoffes gegen das Virus spontaner und damit für die Veranstalter unberechenbarer werden, das Publikum nicht mehr so frühzeitig planen. Die finanzielle Durststrecke der Theater wird wohl noch eine Weile andauern, da viele Zuschauer nun Gutscheine für ihre entfallenen und verschobenen Veranstaltungen erhalten haben und damit de facto als mit barer Münze zahlende Kunden beim nächsten Besuch ausfallen. Selten gespielte Werke könnten in einigen Fällen der sicheren Bank der Repertoireklassiker weichen müssen, die weniger Risiko in der Refinanzierung erwarten lassen und öfter gespielt werden können. Höhere Preiskategorien avancieren möglicherweise zu Ladenhütern, da Rabattaktionen abgewartet werden. Skeptische Thesen lassen sich zahlreich formulieren.

Im Endeffekt wird die Zeit zeigen, wohin die „Reise der Festivals“ geht, welchen Stellenwert und welche Rolle sie in der Post-Corona-Epoche haben werden. Blickt man auf die Energie und den Erfindungsreichtum der Macher, die individuellen, liebevoll erarbeiteten Konzepte und die oft alles andere als rosige Vergangenheit, die bereits bewältigt wurde, darf man aber doch eine These wagen: Ja, Festspiele ziehen Krisen magisch an. Und gerade deshalb werden sie auch aus dieser lebendig hervorgehen.

Florian Maier ist in der Festspiel-Szene zuhause – bis vor Kurzem war er als Dramaturg und Pressesprecher für das Immling Festival tätig. Ein Streifzug durch die deutschsprachige Festspiel-Landschaft lag da nahe – mit Zwischenstopp ehemalige Wirkungsstätte«. Und diesen Sommer? Wird er sich wie alle anderen auch dem »Festival-Fasten« als Gebot der Stunde widmen – und zugleich dem Moment entgegenfiebern, wenn Sommerzeit wieder Festspielzeit ist. Denn da draußen schlummern unzählige Juwelen, deren Entdeckung mehr als lohnt. Und das wird auch so bleiben.

Zurück

Aktuelle Nachrichten
Sponsoren und Förderer